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Informationen

Vierbeiniger Alltagshelfer

Die Freude ist Kora anzumerken. Die Goldenretiverhündin wedelt lebhaft mit dem Schwanz, sobald Gerda Mittag Anstalten macht, mit ihr das Haus im Bemeroder Emslandviertel zu verlassen. Wie jeder andere Hund liebt sie es, nach draußen zu gehen. Allerdings springt sie nicht umher und läuft auch nicht zur Tür, sondern bleibt still neben ihrem Herrchen stehen, nur der Schwanz geht weiter munter hin und her. Sobald ihr das Führgeschirr angelegt wird, ist Kora im Dienst. Sie ist nämlich Blindenführhund. Ihre Aufgabe ist es, "ihren Menschen" sicher durch die Stadt zu führen. Offensichtlich tut sie das genau so gerne, wie andere Hund es lieben, Gassi zu gehen.

 

"Treppe" ist das erste Kommando für Kora, sobald Frau Mittag das Haus verlassen hat. Die Hündin beibt direkt  am Treppenbeginn stehen. Erst nachdem ihr Frauchen losgeht, läuft Kora die Treppe runter. Die beiden sind ein gut eingespieltes Team. Einem unbefangenen Beobachter dürfte das kurze Stocken zu Beginn und am Ende der Stufen kaum auffallen.

 

"Kora ist mein zweiter Hund," erzählt Frau Mittag. "Für mich bedeutet der Führhund ein großes Stück Selbständigkeit. Durch ihn kann ich meiner eigenen Wege gehen, wenn mein Mann mal etwas anderes vor hat." Über siebzig Befehle kennt Kora. Den Weg zum Ziel muss ihr Frauchen kennen. Mit "links", "rechts", "Zebrastreifen", "Ampel" dirigiert sie den Hund in die richtige Richtung. Um sein Herrchen zu führen, muss sich der Blindenführhund konzentrieren. Er muss einen Weg suchen, der nicht nur breit genug für das Gespann aus Hund und Mensch ist, sondern er muss auch alle Hindernisse und Gefahrenquellen für seinen Menschen beachten, die einen Hund normalerweise überhaupt nicht interessieren würden. Das fängt mit einer Pfütze an, in die wir Menschen nicht gerne treten, und hört bei einem Stolperstein auf dem Weg nicht auf. Ein Schild oder ein Ast, der in Kopfhöhe des Herrchens hängt, muss genauso umgangen werden wie ein Auto, das auf dem Gehweg parkt.

 

Ein Blindenführhund kennt eine ganze Menge Gegenstände oder Orte und kann sein Herrchen dorthin führen. Auf "Briefkasten" führt Kora ihr Herrchen so zu einem Postkasten, dass er den Briefschlitz bequem finden kann. "Tür" bedeutet, dass Kora mit ihrem Kopf genau den Aus- oder eingang sucht. Auf "Bank" sucht sie die nächste Sitzgelegenheit. In der Sparkasse bedeutet "Tresen" zum Schalter führen. Auf "Lift" sucht sie einen Fahrstuhl und auch eine "Haltestelle" findet der Hund.

 

Der gute Orientierungssinn eines Hundes ist besonders in unbekannter Umgebung eine große Hilfe. In einer fremden Stadt wird der Blindenführhund den Weg zum Hotel immer wieder finden, selbst wenn sein Frauchen, nicht mehr weiß, wo er sich gerade befindet. Wer sich schon einmal in einer fremden Stadt verlaufen hat, kann sich vorstellen, wie beruhigend das ist, einen so klugen Helfer dabei zu haben. Besonders praktisch ist es auch in der EIlenriede wo man als Blinder schon mal vom „rechten“ Weg abkommen kann. „Ich endecke Hannover immer wieder neu“ sagt Mittag.

 

Die Fähigkeiten eines Blindenführhundes bedeutet nicht, dass der Mensch nichts zu tun hat. Das Gespann ist ein Team, in dem jeder seine Aufgabe hat. Zum einen muss der Blinde genau auf die Reaktionen des Hundes achten, um es dem Tier leicht zu machen, ihn zu führen. Bei manchen Aufgaben muss der Mensch dem Hund helfen. So sind Hunde farbenblind und können nicht unterscheiden, ob eine Ampel auf rot oder auf grün steht. "Leider sind bei uns nicht alle Ampeln mit akustischen oder taktilen Signalen ausgestattet bedauert Frau Mittag. "Für uns wäre das wirklich sehr wichtig." Also muss der Blinde an einer Ampel oder einer Kreuzung an dem Geräuschen erkennen, in welche Richtung sich der Verkehr bewegt. Erst wenn kein Querverkehr mehr fließt, sondern die Autos seitlich fahren, gibt er den Befehl "rüber". Obwohl ein Führhund auf Gehorsam erzogen ist, muss das Tier notfalls diesen Befehl verweigern, wenn eine gefahrlose Überquerung der Straße nicht möglich ist. Diese intelligente Kommandoverweigerung ist eine der beeindruckenden Leistungen von Blindenführhunden. "Ich habe noch nie erlebt, dass Kora ohne einen wirklich wichtigen Grund nicht gehorcht hat" berichtet Frau Mittag stolz. Notfalls wird sich ein Hund in den Weg stellen, um sein Frauchen vor einem Abgrund oder einer Rolltreppe zu schützen.

 

Für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer ist es von Vorteil, wenn Bordsteine abgesenkt sind. Für einen Blindenführhund kann es dagegen dadurch schwieriger werden. Auf den Befehl "Bordstein" führt er bis zum Straßenrand und bleibt dort stehen. Das funktioniert aber nur, wenn die Kante durch Material und Absatz deutlich zu erkennen sind. "Uns würde schon ein Höhenunterschied von zwei Zentimetern reichen. Das kann der Hund erkennen und ich kann den Bordstein auch mit meinem Blindenstock ertasten." Dieser Absatz ist auch für Rollstühle zu überwinden. Deshalb setzt sich Herr Sanders im Behindertenbeirat der Stadt Wilhelmshaven dafür ein, dass die Bordsteinabsenkung nicht zu radikal erfolgt.

 

Knigge für den Umgang mit Blindenführhunde

Viele Autofahrer bremsen ein wenig ab und lassen das Auto langsam ausrollen, wenn sie auf eine rote Ampel zufahren oder Fußgänger an einem Zebrastreifen stehen sehen. Das ist eine energiesparende Fahrweise, die außerdem die Bremsbelege schont. Für Sehende ist durch die Verlangsamung des Fahrzeuges klar: Der Autofahrer hat den Fußgänger bemerkt und dieser kann die Straße queren.

 

Blindenführhunde dagegen haben gelernt, dass fahrende Autos gefährlich sind. Erst wenn das Auto wirklich steht und auch aus der anderen Richtung kein Fahrzeug kommt, kann der Hund seinen Menschen über die Straße führen. Um die Situation zu überblicken, braucht ein Hund etwas länger als ein sehender Mensch. Auch Handzeichen kann das Tier nicht interpretieren. Ganz verkehrt wäre es, jetzt zu hupen, denn aus Hundeperspektive kann das nur Gefahr bedeuten. Halten Sie deshalb richtig an, wenn Sie ein Gespann am Straßenrand sehen und haben Sie ein wenig Geduld. Der Hund wird über die Straße führen, sobald er sicher ist, dass der Weg frei ist.

 

Das Verkehrteste, was man tun kann, ist dem Hund ins Geschirr zu greifen oder den Blinden einfach am Arm über die Straße zu zerren, wie es Herrn Sanders einmal passiert ist. Sicher ist das gut gemeint, aber es verwirrt einen Hund total, wenn ihm plötzlich ein Fremder die Führungsrolle abnimmt. Eine solche Verunsicherung ist für einen Führhund ein ernsthaftes Problem, denn er muss sich seiner Aufgabe sicher sein, um gut arbeiten zu können. Wenn man den Eindruck hat, der Blinde kann Hilfe gebrauchen, sollte man fragen, ob man helfen kann. Seien Sie nicht beleidigt, wenn die Hilfe abgelehnt wird, denn es ist doch prima, wenn jemand alleine zurecht kommt.

 

"Manchmal fragen mich Leute auf der Straße, ob sie meinen Hund streicheln dürfen" erzählt Herr Sanders. "ich sage dann immer nein, denn Kora muss sich auf ihre Aufgabe konzentrieren, wenn sie im Dienst ist." Wer also einen Blindenführhund bei der Arbeit unterstützen will, sollte ihn nicht ansprechen, auch keinen Blickkontakt zu dem Tier suchen und vor allen Dingen andere Hunde fern halten. Natürlich lernen Blindenführhunde in ihrer Ausbildung, dass sie während der Arbeit nicht spielen oder an anderen Hunden schnuppern dürfen, aber es ist schwer für ein Tier, sich nicht von Artgenossen ablenken zu lassen.

 

Freizeit muss sein - auch für Hunde

Damit ein Blindenführhund diese schwierigen Aufgaben auf Dauer bewältigen kann, braucht er auch Freizeit, um seinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Jeder Hund muss in Ruhe schnuppern können, sein Geschäft erledigen, mit anderen Hunden spielen, toben und sich müde laufen. Ein Blinder, der sich überlegt, einen Führhund zuzulegen, muss sich also genauso wie jeder andere Mensch gut überlegen, ob er einem Haustier gerecht wird. Ein Hund braucht bei jedem Wetter Auslauf, sein Herrchen muss ihn pünktlich füttern, mit ihm zum Tierarzt gehen, das Fell pflegen und in Kauf nehmen, dass ein Tier auch mal Dreck und Hundehaare in die Wohnung trägt. Und schließlich muss der Rest der Familie damit einverstanden sein, mit einem Hund zu leben. Dies Überlegungen mögen der Grund sein, weshalb nur etwa 2 % aller Blinden einen Führhund besitzen, obwohl diese "Mobilitätshilfe" von der Krankenkasse bezahlt wird.

 

Allgemeines zum Thema Blindenführhunde

Blindenführhunde sind speziell ausgebildete Assistenzhunde, die blinden oder hochgradig sehbehinderten Menschen eine gefahrlose Orientierung sowohl in vertrauter als auch in fremder Umgebung gewährleisten sollen. Blindenführhunde gelten nach § 33 SGB V rechtlich als Hilfsmittel. Der Blindenführhund „im Dienst“ ist an seinem weißen Führgeschirr erkennbar. Dies ist ein offizielles Verkehrszeichen, das alle Verkehrsteilnehmer zu besonderer Rücksicht verpflichtet. Gut ausgebildete Führhunde ermöglichen ihren Haltern ein hohes Maß an individueller Mobilität, Sicherheit und Unabhängigkeit und stellen dadurch einen entscheidenden Faktor für die gesellschaftliche Teilhabe blinder Menschen dar.

 

Ein Team bestehend aus Blindenführhundhalter und Blindenführhund nennt sich Führgespann. Während der blinde bzw. sehbehinderte Hundeführer als "Navigator" fungiert, übernimmt der Blindenführhund die Rolle des "Piloten", indem er akustische Kommandos, sogenannte Hörzeichen, wie z.B. „Geradeaus“, „Nach links“, „Suche Türe“, „Überquere Straße“ ausführt. Ein Blindenführhund sucht wunschgemäß Türen, Treppen, Zebrastreifen, Telefonzellen, Briefkästen, freie Sitzplätze (z.B. in Bus oder Bahn) und vieles mehr. Er zeigt das Gefundene an, indem er davor stehen bleibt. Blindenführhunde sind in der Lage, blinde und sehbehinderte Menschen sicher durch Orte zu führen, indem sie Hindernissen wie Straßenschildern, parkenden Autos, Fußgängern usw. ausweichen und Straßenbegrenzungen, Treppen, Türen, Fußgängerstreifen anzeigen. Ein gut ausgebildeter Blindenführhund umgeht jegliche Art von Hindernissen oder zeigt diese an, indem er stehen bleibt.

 

Für ein gut ausgebildetes Führgespann sind geparkte Autos, Laternenpfähle, Fahrradfahrer etc. daher kein Problem. Zu den Hindernissen, auf die ein Führhund reagieren muss, gehören auch Bodenhindernisse wie Pfützen oder Schlaglöcher und Höhenhindernisse wie herabhängende Äste oder Schilder, d. h. der Hund muss auch Hindernisse anzeigen und umgehen, die für ihn selbst keine sind. Ein ausgebildeter Führhund beherrscht etwa 40 Hörzeichen, bei entsprechendem Training kann er aber noch wesentlich mehr (bis zu 400) erlernen. Damit diese Fähigkeiten nicht verloren gehen, sind ihre Besitzer angehalten sich intensiv mit ihrem Hund zu beschäftigen und die Kommandos regelmäßig zu trainieren.

 

Im Fall einer drohenden Gefahr etwa im Straßenverkehr muss der Führhund in der Lage sein, einen Befehl ausnahmsweise zu verweigern (sogenannter „intelligenter Ungehorsam“). Diese Fähigkeit ist eine teilautonome Handlung des speziell ausgebildeten Hundes. Er löst selbstständig Probleme, indem er in einer Gefahrensituation Befehle missachtet. Durch seinen natürlichen Instinkt verfügt er über ein intuitives Frühwarnsystem für gefährliche Situationen. Innerhalb einer Ausbildung wird dieses Frühwarnsystem mit einer auszuführenden Handlung verbunden. Auf einer befahrenen Straße verweigert der Hund das Kommando vorwärts zu gehen, weil er in der Ausbildung eine antrainierte Protesthaltung für diese Gefahrensituation gelernt hat. Diese Protesthaltung ist als Ausdruck einer Verbundenheit und Solidarität zu verstehen. Somit ist „intelligenter Ungehorsam“ nur ein vermeintlicher Akt des Ungehorsam, da die Verweigerung zum Schutze der Person erfolgt, der für einen Moment die Gefolgschaft aufgekündigt wird.

 

Zur Ausbildung zum Blindenführhund kommen nur Hunde mit ganz bestimmten Eigenschaften in Frage. So muss es sich um friedfertige, intelligente, wesensfeste, nervenstarke, arbeitsbelastbare und gesunde Junghunde handeln. Diese Welpen werden in sogenannte Patenfamilien, in denen die Hunde etwa ein Jahr lang sozialisiert werden, gegeben. Die Welpen werden während ihres ersten Lebensjahres mit den unterschiedlichsten Ereignissen und Situationen konfrontiert.

 

Bei den Rassen, die zur Ausbildung in Frage kommen, gibt es grundsätzlich keine Beschränkungen. Bevorzugt als Blindenführhunde ausgebildet werden häufig Königspudel, Riesenschnauzer, Deutsche Schäferhunde, Labrador Retriever oder Golden Retriever. Es kommen auch Mischlinge für die Ausbildung in Frage. Die Schulterhöhe der Tiere sollte zwischen 50 cm und 65 cm liegen. Blindenführhunde werden in Blindenführhundeschulen mittels verschiedener Methoden des Verhaltenstrainings ausgebildet. In Deutschland werden die Kosten der Ausbildung von den Krankenkassen übernommen. Die Ausbildung selbst kann bis zu zwölf Monate dauern. Für sie müssen die Tiere einen intensiven Gesundheitstest bestehen, dabei werden unter anderem Gelenke und Augen untersucht.

 

Die soziale Bindung zwischen Mensch und Hund ist die wichtigste Voraussetzung für ein gut funktionierendes Führgespann. Der Aufbau einer gegenseitigen Vertrauensbasis ist besonders wichtig im ersten Jahr des Gespanns. Gelingt der Bindungsaufbau in dieser Zeit nicht, bleiben Mensch und Blindenführhund häufig unsicher. Es bleibt auch später wichtig, engen Kontakt zu den Tieren zu halten, um die Bindung zu gewährleisten. Bei Paaren, in denen ein Partner sehend ist, kann es vorkommen, dass die Hunde eine intensivere Beziehung zum sehenden Menschen aufbauen, wenn dieser sich häufiger mit dem Tier beschäftigt und Spiele wahrnimmt, die Blinden nicht möglich sind.